Coming out

„Schwerhörig? Aber ich bin doch erst 24? Ich fühle mich soooooo alt. Und eigentlich verstehe ich doch alles. Ich muss es ja nicht jedem auf die Nase binden, dass ich schwerhörig bin und jetzt ein Hörgerät trage.“ So dachte ich, bis folgendes passierte:
Wir zogen um, stellten uns bei den neuen Nachbarn vor und mit einem Studenten kam ich auch über Batterien und dass die immer im falschen Moment leer sind (bei ihm fürs Fotografieren, bei mir fürs Hören) ins Gespräch. Kurz darauf zog er weg. Nach etwa einem Jahr kam er für eine Stippvisite zurück und war bei Ex-Nachbarn zum Kaffeetrinken eingeladen. Auf seine Frage: „Wie sind denn die Neuen
(also wir)?“ bekam er zur Antwort: „Er ist ja ganz nett, aber SIE? Mal tut sie ganz freundlich und beim nächsten Mal antwortet sie nicht.“ Seit seiner Erklärung: „Mensch, die ist schwerhörig. Wenn sie nicht antwortet, dann hat sie dich einfach nicht gehört!“ sind wir mit den Nachbarn sehr gut befreundet.


Ich bin sehr froh, dass die Nachbarn mir diese Begebenheit geschildert haben. Das hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, meine Schwerhörigkeit mitzuteilen. Auch wenn ich nicht immer Lust habe, beim ersten privaten oder beruflichen Kontakt auf meine kaputten Ohren hinzuweisen; in der Schublade für Ignoranten, Hochnäsige und Kommunikationsmuffel möchte ich nie wieder landen.

Sonja Ma-Mi

Unser Gehör ist ein Wunderwerk!

Die Ohrmuschel fängt die Geräusche ein und verstärkt sie wie ein Schalltrichter. Durch ihre Form können wir unterscheiden, ob ein Geräusch von vorn oder von hinten kommt. Das Trommelfell schirmt das Mittel- und Innenohr vor äußeren Einflüssen (Wasser, Staub, …) ab; nur die Schwingungen des Schalls und somit des Trommelfells werden weitergegeben. Hinter dem Trommelfell nehmen drei kleine Knochen (die Gehörknöchelchen sind die kleinsten Knochen des Menschen) die Schwingungen auf und durch ihre grandiose Anordnung und Aufhängung verstärken sie die Schwingung mechanisch, vergleichbar zu einem Pantografen auch Storchschnabel genannt (https://www.youtube.com/watch?v=ojR4IVNLAAo ). Jetzt trifft der Schall auf die Gehörschnecke, ein unglaublich geniales Organ. Abgerollt kann man sie sich wie eine Schultüte vorstellen, die bis oben mit Wackelpudding gefüllt ist. Je nach der Höhe oder Tiefe des Tons (nach seiner Frequenz), schwingt der Wackelpudding eher an der Spitze oder der Öffnungsseite der Schultüte besonders heftig. Was Schwingungen für große Wellen schlagen können, kann man z.B. bei den historischen Aufnahmen der Tacoma-Brigde sehen, als ein böiger Wind die Brücke wie aus Gummi hin und her bewegte und letztlich sogar zum Einsturz brachte
(https://www.youtube.com/watch?v=3mclp9QmCGs interessant ab Minute 1:00).


In den Wackelpudding sind auf einer Linie von der Spitze zur Öffnung der Schultüte von außen Haare hineingesteckt, quasi eine Pferdemähne nach innen. Dort wo der Wackelpudding heftig schwingt, bewegen sich natürlich auch die Haare mit. Die Haarwurzel merkt, dass das Haar bewegt wird, so wie unsere Haare auf dem Kopf auch merken, wenn wir uns an etwas annähern, noch bevor es eine Beule gibt. Und genauso wie bei den Kopfhaaren wird diese Information als Nervensignal ans Gehirn weitergegeben. Bei den Härchen in der Gehörschnecke läuft diese Information über den Hörnerv bis zum Hörzentrum, einem speziellen Teil unseres Gehirns.
Um gut zu hören, müssen alle beschriebenen Beteiligten auf dem Weg bis zum Gehirn einwandfrei funktionieren. Liegt eine Störung in dieser Kette vor, ist das Gehör beeinträchtigt; man ist schwerhörig oder sogar taub.

Sonja Ma-Mi

„Und plötzlich klinkt sie sich aus dem Gespräch aus. Was hat sie denn?“

Das Hören mit kaputten Ohren lässt sich ein bisschen mit dem Lesen bei Dämmerung vergleichen. Bei guten Bedingungen wie große Buchstaben und schwarze Schrift auf weißem Papier (entsprechend einem guten Sprecher und ruhiger Umgebung) geht es noch ganz gut. Aber bei schlechten Bedingungen wird es schwierig bis unmöglich, z.B. bei kleinen Buchstaben und/oder grauer Schrift auf blauem Papier (nuschelige Aussprache und/oder Hintergrundgeräusche). Wenn Sie jetzt eine Lupe (ein Hörgerät) zu Hilfe nehmen, dann wird es etwas besser, aber vom Lesen bei Sonnenschein (Hören mit gesunden Ohren) sind Sie noch weit entfernt.
Und das Lesen bei Dämmerung ist anstrengend, irgendwann legen Sie das Buch zur Seite, weil die Konzentration nachlässt. Das liegt nicht daran, dass jetzt das Buch langweilig geworden ist. Genauso geht es Schwerhörigen, die irgendwann die Konzentration nicht mehr haben, um dem Gespräch zu folgen und sich dann zurückziehen. Das liegt nicht daran, dass jetzt die Gesprächspartner oder das Thema uninteressant geworden sind.

Sonja Ma-Mi

„Du hörst so gut zu!“

Ich bin schwerhörig, hochgradig schwerhörig. Und doch hat eine Kollegin genau das zu mir gesagt.
Ein Widerspruch?
Um zu verstehen, was mein Gegenüber sagt, nehme ich alle Sinne zu Hilfe, konzentriere mich ausschließlich auf das Gespräch, versuche mich in ihn oder sie auch einzufühlen. Wenn ich im Gespräch bin, bin ich ganz und gar im Gespräch. Die Gedanken sind ausschließlich beim Inhalt des Gespräches, beim Lesen von Mimik, Lippenbewegungen und Gestik, beim Erspüren dessen, was auf der nonverbalen Ebene vermittelt wird. Das kombiniere ich mit den Resten, die ich noch höre. Auf diese Weise und NUR auf diese Weise kann ich in ruhiger Umgebung gut verstehen. Verstehen ist also die einzige, die Haupttätigkeit. Ich mache und denke nichts Anderes nebenher. Ich bin ganz beim Gegenüber, das meine VOLLE Aufmerksamkeit genießt. Deshalb stimmt es: ich höre wirklich gut zu, gerade WEIL ich schwerhörig bin.

Sonja Ma-Mi

Behindert mit Maske

Eines vorweg: Mund-Nasen-Schutz-Masken sind wichtig! Ich trage sie und wir alle sollten das tun, solange es eben nötig sein wird.

Es ist bekannt, dass man als Brillenträger:in mit den Masken manchmal wenig Spaß hat. Für Schwerhörige hat die Sache aber noch weitere Tücken.

Vor allem fehlen uns durch die Masken wichtige Informationen. Unsereine:r braucht zum Verstehen – neben den technischen Hörhilfen und Übung im Kombinieren – auch den Gesichtsausdruck unseres Gesprächspartners, und das sogenannte Mundbild, also die Bewegung der Lippen. Nicht jeder Laut lässt sich von den Lippen ablesen. Aber die Mundbewegungen sind sozusagen ein Teil des Puzzles. Das fällt durch die Masken nun weg.

So kommt es, dass ich heutzutage praktisch jeden Wortwechsel beginne mit: „Entschuldigung, ich bin schwerhörig…“. Dabei will ich mich für meine Behinderung nicht entschuldigen, und ich will sie eigentlich auch nicht jedem gleich auf die Nase binden. Aber mit den Masken verstehe ich weder, welchen Preis mir ein:e Verkäufer:in an der Kasse nennt, noch welche Fragen mir ein:e Ärzt:in stellt.

Was fast noch schlimmer ist: Selbst wenn ich einmal mit viel Glück eine:n Freund:in oder Bekannte:n auf der Straße treffe, kann ich mich nicht unterhalten. Man freut sich so sehr über das Widersehen – und kann dann doch nicht wirklich in Kontakt treten. Das ist so traurig!

Ein weiteres Masken-Problem ist der knapp werdende Platz hinterm Ohr. Das Hörgerät, vielleicht noch eine Brille, die Masken-Schlaufe… da kann es eng werden und manchmal verheddert es sich auch: Eine Bekannte erzählte neulich, sie habe wohl eines ihrer Hörgeräte aus versehen mit der elastischen Schlaufe der Maske wie mit einer Zwille weggeschnippst – auf Nimmerwiedersehen.

Das ganze führt dann übrigens auch dazu, dass man bei Akustiker:innen derzeit manchmal warten muss auf Termine und auf Hörhilfen zum Testen: Viele Menschen merken jetzt, ohne freie Sicht auf das Gesicht des Gegenübers, dass auch sie schwerhörig sind. Und Andere schnipsen eben ihre Geräte durch die Gegend 😉

Ich jedenfalls werde sehr froh sein, wenn wir uns – gesund und wohlbehalten – wieder von Angesicht zu Angesicht begegnen können!

MN

Arbeitskolleg*innen-Seminar im Juni und Oktober 2021

Das Integrationsamt Hildesheim organisiert eine ganze Reihe von Fortbildungen und Schulungen. Für uns (und Sie als Besucher*in unserer Webseite) besonders interessant ist das Seminar für schwerhörige und nicht-schwerhörige Arbeitskolleg*innen. In angenehmer Atmosphäre tauschen sich die teilnehmenden Kolleg*innen-Teams über ihre Arbeitssituationen aus, erfahren in Impulsvorträgen z.B. von Mediziner*innen und Akustiker*innen mancherlei Neues und haben auch Gelegenheit, verschiedene Zusatztechnik auszuprobieren. Schriftsprachdolmetscher*innen sorgen in jedem Fall für Durchblick, und die Kosten für die (schöne!) Unterkunft und (leckere!) Verpflegung werden vom Integrationsamt getragen.

Hier gibt es noch genauere Informationen:

Seminarankündigung 4.-6. Juni 2021 (PDF)

Seminarankündigung 8.-10. Oktober 2021 (PDF)

Das Anmeldeformular (PDF)

Datenschutz-Info des Integrationsamtes Hildesheim (PDF)

Und es hat Zoom gemacht… schwerhörig im Videomeeting

Was für eine Ironie des Schicksals: Corona ‘behindert’ uns alle. Aber bei der Arbeit führt es für mich persönlich zu mehr Inklusion.

Ich habe das große Glück, meine Arbeit auch von zu Hause aus, im Homeoffice machen zu können. Schon seit März kommunizieren meine Kolleg*innen und ich vor allem per E-Mail, mit einem Chat-Programm und mit Videotelefonie und -konferenzen.

Die wöchentlichen Abteilungsbesprechungen sahen früher ungefähr so aus:
Der genutzte Raum hat weder Teppich noch Deckenverkleidung, ist also etwas hallig. Durch die Tür dringen Geräusche aus dem Flur, durch die Fenster hört man den Autoverkehr auf der Straße, im Raum selbst summt der Beamer. Wir sitzen dort verteilt um einen langen Tisch, sodass ich immer einen Platz wählen muss, von dem aus ich möglichst viele Gesichter sehen kann – denn Mimik und Lippenbewegungen helfen mir bei der Interpretation der Laute, die ich höre. Meine Tischmikros platziere ich dann strategisch vor Kolleg*innen, die eher leiser oder besonders schnell sprechen und gleichzeitig möglichst weit weg von denjenigen, die auf einem Laptop mitschreiben oder gerne mit Zetteln rascheln. Im Laufe der Besprechungen fallen wir uns auch mal gegenseitig ins Wort und oft gibt es kurzzeitig mehrere Gespräche parallel. Alles in Allem muss ich aufpassen wie ein Luchs, um alles zu verstehen, das ist sehr anstrengend.

Nicht so beim virtuellen Treffen, im Videomeeting in Zeiten von Corona:
Beim Meeting am Computerbildschirm sprechen alle ganz gesittet nacheinander und man hat – bei guter Internetverbindung – sogar das Mundbild und die Mimik direkt vor Augen. Die meisten von uns nutzen ein Headset mit einem Mikrofon darin, das sie ausschalten, wenn sie selbst nicht sprechen. Minimaler Abstand von Mund zu Mikro, kein Hall, kein Tastaturgeklapper. Auch die Nebengespräche entfallen, bzw. verlagern sich in den Chat, wo endlich auch ich einmal ‘mitflüstern’ kann. Und falls einmal die Übertragungsqualität nicht gut ist, dann leiden alle darunter. Genaugenommen bin ich als Schwerhörige sogar im Vorteil: Weil ich es gewöhnt bin, mich über längere Zeit stark zu konzentrieren und aus unvollständig empfangenen Signalen den Sinn der Botschaft zu erschließen.

Was das Hören bei der Arbeit betrifft, sind die gebotenen Corona-Schutzmaßnahmen für mich persönlich also ein echter Vorteil. Und ich hoffe, dass einige der Vorteile der ‘virtuellen Gesprächskultur’ auch für Normalhörende so auf der Hand liegen, dass sie auch weiter praktiziert werden, wenn wir uns endlich wieder von Angesicht zu Angesicht begegnen können. (MN)

Was ich an den ‘Ohrwürmern’ schätze

An den Ohrwürmern schätze ich, dass ‘schwer hören’ in unserer Runde normal ist. Wir treffen uns garantiert nicht in lauten Restaurants, sondern da, wo es gemütlich ist und uns nichts stört! Ganz selbstverständlich landen meistens erst einmal ein paar Tischmikrofone neben der Kaffeekanne auf dem Tisch. Und wenn doch mal jemand zu schnell brabbelt, kriegt er/sie gleich von Allen Bescheid ;-). Wir kommen aus ganz verschiedenen Berufen und Altersgruppen, das finde ich sehr interessant und horizonterweiternd. (mn)

Wie ich zu “technischen Arbeitshilfen” kam …

Beitrag von: mn

Meine Arbeit spielt sich meistens am Schreibtisch und ohne Kundenverkehr ab, aber ich muss (und mag!) mich trotzdem viel mit Kolleg*innen abstimmen, an Besprechungen teilnehmen und telefonieren. Ich trage ein Hörgerät und habe ein Cochlea Implantat, und was für andere selbstverständlich ist – Hören und Verstehen – ist für mich eine ständige Zusatzaufgabe.

Durch Internet-Recherchen wusste ich, dass es noch Zusatztechnik gibt, die einem das Hören erleichtern kann, aber wie kommt man da ran? Auf der Suche nach Beratung im Dschungel von technischem Zubehör und zuständigen Kostenträgern bin ich dann zum Glück auf den Beratungsdienst von auris in Braunschweig gestoßen. Hätten Sie gewusst, dass  es spezialisierte Akustiker*innen gibt, die direkt an den Arbeitsplatz kommen um zu schauen, welche verschiedenen Hör-Herausforderungen es dort gibt? Das musste zunächst beantragt werden, dann erfolgte ein Vor-Ort-Termin. Daraufhin konnte ich verschiedene Zusatztechnik ausprobieren und schließlich die benötigten Gerätschaften beim Integrationsamt beantragen. Das Ganze war immer noch aufwändig, aber es hat sich gelohnt. Je nach Situation nutze ich seitdem Tischmikrofone, ein Sprecher-Mikrofon oder einen Adapter fürs Telefon, um die akustischen Signale direkt an meine Hörhilfen zu übertragen. Natürlich muss ich immer aufpassen, dass ich die richtigen Geräte funktionsbereit dabei habe und muss meinen Gegenübern oft erklären, was das ist und wie man es (nicht) nutzt. Und gänzlich mühelos wird das Hören auch damit nicht. Aber die Technik hilft mir im Arbeitsalltag enorm und meinen Kolleg*innen sicher auch 😉

Link dazu: Leistungen des Integrationsamtes für schwerbehinderte Arbeitnehmer:innen

O-Töne: Zum Einstieg

In diesem Blog berichten wir ‘Ohrwürmer’ über unsere Selbsthilfegruppe und Erfahrungen als Hörgeschädigte in Alltag und Berufsalltag. Wir würden uns freuen, wenn wir damit ebenfalls Schwerhörige ansprechen könnten sowie ihnen Mut machen. Außerdem möchten wir so ‘Normalhörenden’ unsere Perspektive auf die Welt etwas näher bringen.

Die in den Blogbeiträgen wiedergegebenen Inhalte stellen jeweils nur die individuelle Meinung der Autor*innen dar, nicht die der gesamten Selbsthilfegruppe.

Es ist Schwerstarbeit, wissen Sie, als Hörgeschädigter mit jemandem zu reden. Ich versuche dauernd zu hören, was Sie sagen; man kann sich mit jemand einfach nicht entspannt unterhalten, wenn man auf der Stuhlkante sitzt, lauert, horcht und dauernd denkt „hab’ ich das richtig verstanden?“ oder „’tschuldigung, was haben Sie gesagt?“ Das ist alles reine Schinderei, am Ende denkt man „oh verflucht, ich möchte allein sein und wieder zu Atem kommen“.

Jones, Lesley: Wie wird Hörverlust empfunden? – Aussprache über die Erfahrungen von Hörenden und Schwerhörigen, in: Verch, Klaus (Hrsg.): Rehabilitation Schwerhöriger, Ertaubter und Gehörloser. Internationale Tagung vom 20. April bis 24. April 1989 in Bad Berleburg (1989), S. 123-138 (hier S. 130). (Angaben nach Schwerhörigenseelsorge)