Von Hand erzählen – ein Interview mit Tony Evans

[Cross-posting von maret-erzählt.de]

Tony Evans ist Dolmetscher für Britische Gebärdensprache. Mit seiner Arbeit ermöglicht er die Verständigung zwischen Gehörlosen und Hörenden in so ziemlich allen Situationen des Lebens. Aber er sorgt auch dafür, dass Märchen und Geschichten frei reisen können: Mit seinen Händen erzählt, übersetzt und interpretiert er Geschichten für gehörlose Zuschauer:innen. […] Das folgende Interview entstand per Email-Austausch im Sommer 2021. Die Übersetzung ins Deutsche hat Marie Isabel Matthews-Schlinzig besorgt, auf deren Blog Sie das Interview auch im Original nachlesen können.

M: Tony, vielen Dank, dass ich dich auf diesem Wege befragen darf. Du hast mir erzählt, dass du schon viele Jahre als Gebärdendolmetscher arbeitest und schon übersetzt hast bei Bewerbungsgesprächen, medizinischen Eingriffen, vor Gericht, auf Polizeirevieren, Hochzeiten, Beerdigungen, im Theater… und auch an einem Seil in 20 Metern Höhe hängend, bei Tauchkursen, Führerscheinprüfungen… Wie kam es, dass du Geschichten beim Beyond-the-Border-Festival übersetzt?

T: Als ich das Beyond-the-Border-Festival kennenlernte, konnte ich gar nicht glauben, dass es keine Zugangsmöglichkeit für die Gehörlosen-Community bot. Das ist keine Kritik. Die Veranstalter:innen waren nie darum gebeten worden, den Zugang zu ermöglichen, und hatten daher nie darüber nachgedacht.

Für mich passen das Geschichtenerzählen und die Welt der Gehörlosen ganz hervorragend zueinander! Die Gebärdensprache ist keine Schriftsprache. Daher beruht die Weitergabe von Dingen über die Generationen darauf, dass Erinnerungen lebendig bleiben. Außerdem ist es eine körperliche Sprache, bei der Vergleiche wichtig sind. Mithilfe von Geschichten Wissen zu vermitteln, ist ein wichtiger Teil des Lebens von Gehörlosen.

Ich bot also meine Dienste an und kam zu einem kostenlosen Probetag, um zu sehen, wie es angenommen werden würde. Die Organisator:innen und Geschichtenerzähler:innen waren von der Idee begeistert, und so knüpften wir eine Beziehung, die nun schon mehr als ein Jahrzehnt hält.

M: Du und dein Team, ihr könnt wahrscheinlich nicht alle Geschichten übersetzen. Wie wird ausgewählt, was für wen übersetzt oder dargeboten wird?

T: Als Koordinator des Teams habe ich mehrere Faktoren zu berücksichtigen.

Zuerst sortieren wir Darbietungen aus, die ohne Worte auskommen. Einige bestehen nur aus Musik, Pantomime, Nonsenssprache usw. Viele davon sind hoffentlich für ein gehörloses Publikum ohne Dolmetscher:in zugänglich.

Dann schließen wir Darbietungen aus, die aus physischen Gründen (z.B. Platz auf der Bühne, Beleuchtung usw.) nicht gedolmetscht werden können.

Dann frage ich die Organisator:innen, ob sie wichtige Künstler:innen/Veranstaltungsorte haben, die sie abdecken wollen. Es kann sein, dass sie eine:n weltberühmten Geschichtenerzähler:in haben und alle ihre:seine Geschichten gedolmetscht haben wollen. Wir versuchen auch, eine Vielfalt abzudecken – Kindershow, Familienshow, Erwachsenenshow, einheimische Geschichten, Geschichten von ausländischen Besucher:innen…

Ich muss dafür sorgen, dass mein Dolmetscherteam genügend Pausen, Vorbereitungszeit usw. hat. – Ich überprüfe, ob es Geschichten gibt, die wir beim letzten Festival gedolmetscht haben, ich überprüfe, ob die Geschichtenerzähler:innen eine Vorliebe haben… und diese Liste geht immer weiter. Jetzt, wo ich darüber nachdenke, bin ich erstaunt, dass wir das überhaupt alles organisiert bekommen!!!!!!!

M: Manche Erzähler:innen erzählen ganz ruhig, andere bewegen sich viel und schauspielern mit Gestik, Mimik und Stimme einige der Rollen in der Geschichte. Wie gehst du als Übersetzer damit um?

T: Das ist eine gute Frage!!!! Meine Aufgabe ist es, nicht nur die Worte und die Geschichte, sondern auch die Art und Weise, WIE die Geschichte erzählt wird, körperlich darzustellen!!! ABER… ich will die Darbietenden nicht überbieten!

Geflüstertes wird zu Gebärden nahe an der Brust, meine Schultern sind gekrümmt und mein Kopf neigt sich dem Publikum zu, als ob ich ein Geheimnis teilen würde.

Schreien wird zu größeren Gebärden mit geschwellter Brust!

Wenn ein:e Geschichtenerzähler:in sehr bildlich agiert, versuche ich, das Publikum in Schlüsselmomenten dazu anzuleiten, sie oder ihn zu beobachten, nutze also ihre:seine Bewegungen, um die Arbeit für mich zu erledigen. Wenn ein:e Geschichtenerzähler:in über ein Schwert spricht, muss ich sicherstellen, dass ich über dieselbe Art von Schwert spreche. Wenn ich eine Art leichtes Degenschwert andeute und die Erzähler:in Schwierigkeiten hat, das riesige Breitschwert in der Geschichte zu heben, dann mache ich etwas falsch.

Manche Erzähler:innen ignorieren den:die Dolmetscher:in völlig. Das ‚funktioniert‘, und ich kann mit meiner Arbeit weitermachen, während sie mit ihrer weitermachen. Das ist als Erfahrung ‚okay‘ . Andere Erzähler:innen erkennen an, dass ich die Bühne mit ihnen teile – sie nutzen mich als Requisite oder als ‚Statisten‘ in ihrer Geschichte. Das kann Spaß machen, aber um wirklich zu funktionieren, muss es respektvoll sein und wenn möglich ein wenig geprobt werden, damit wir uns nicht gegenseitig überraschen. Gewöhnlich liebt es das Publikum, wenn dies geschieht.

M: Gab es denn Feedback von Gehörlosen im Publikum? Gibt es eine eigene Geschichten-Erzählkultur in der Community? Und falls ja: inwiefern unterscheiden sich die Geschichten von mündlich erzählten? Wären sie interessiert daran, ihre Geschichten mit anderen zu teilen, sie für Hörende zugänglich zu machen?

T: Wenn Gehörlose im Publikum waren, war das Feedback immer super. Carl [Gough] und ich sind auf dem Village Storytelling Festival in Glasgow vor Dutzenden von Gehörlosen aus ganz Schottland aufgetreten. Die Resonanz war großartig.

Bei den Geschichten, die ich selber von Gehörlosen gesehen habe, handelt es sich in der Regel um traditionelle Geschichten (z. B. zu Weihnachten) mit unglaublich detaillierten Beschreibungen.

Ich sehe aber seitens der Gehörlosen-Community kein großes Bedürfnis, ihre Geschichten mitzuteilen, obwohl das vielleicht daran liegt, dass sie nie die Gelegenheit dazu hatten?

M: Hast du, oder haben deine Auftraggeber:innen bei Kulturveranstaltungen den starken Wunsch, Hörende und Nichthörende ins Gespräch zu bringen? Oder ‚nur‘ ein Vergnügen zugänglich und damit erlebbarer zu machen? Oder geht es um das Bedürfnis politisch korrekt zu sein/neue soziale Normen/eine neue Normalität?

T: Die Ziele und Erwartungen sind unterschiedlich. Bei einigen Veranstaltungen geht es um eine Alibifunktion und/oder politische Korrektheit. Bei anderen besteht der ehrliche Wunsch, so integrativ wie möglich zu sein. Ich denke, das Ziel, inklusiv zu sein, ist etwas anderes als das Ziel, zugänglich zu sein. (Übrigens liebe ich das deutsche Wort für accessibility [„Barrierefreiheit“]!)

Keine Veranstaltung kann „frei von Barrieren“ sein – viele Menschen haben ihre eigenen Barrieren, ob sie nun behindert sind oder nicht. Aber Veranstaltungen können so inklusiv wie möglich sein, und die Maßnahmen, die wir ergreifen, um dies zu verbessern, müssen nicht hässlich sein!!!

Ich habe Beyond-the-Border davon überzeugt, meine Dienste in Anspruch zu nehmen, und wir haben uns sehr bemüht, ein gehörloses Publikum zu gewinnen. Das wurde nur bedingt in Anspruch genommen, sodass ich nach drei Festivals zum Vorstand ging und ihnen sagte, sie sollten ihr Geld sparen und keine Dolmetscher:innen mehr bezahlen. Sie entschieden sich, mein Team weiterhin zu buchen und die Veranstaltungen inklusiv zu gestalten FÜR DEN FALL, dass Gehörlose sie besuchen wollten und weil es auch den Hörenden gefiel! Die Verdolmetschung bereichert das Erlebnis hoffentlich für alle.

M: Welche Geschichten magst du denn persönlich am liebsten? 

T: Ich habe noch nicht viele Geschichten gehört, die ich nicht mochte.

Ich fühle mich besonders zu Artusgeschichten und walisischen Legenden hingezogen; aber mich erfreuen alle Geschichten, die ich anhören und dann für meine kleinen Jungs vor dem Schlafengehen nacherzählen kann. Sie mögen es, Geschichten aus aller Welt über kleine Jungs wie sie selbst zu hören.

M: Ich hätte noch ein paar Fragen, die nicht das Geschichtenerzählen betreffen, sondern eher Politik, Technik und die Zukunft: Du hast so viel Erfahrung in Deinem Beruf: Was hat sich verändert in diesen Jahren? Meinst du, es wird es irgendwann Avatare geben, die automatisch gebärden, oder nur noch Menschen mit Cochlea-Implantat? Und was wünscht du dir für die Zukunft?

T: Die Dinge ändern sich… und Dinge bleiben gleich. Einige Änderungen verbessern die Situation für einige Menschen – aber insgesamt… Ich würde sagen, dass sich in meinen dreißig Jahren in diesem Beruf nicht viel geändert oder verbessert hat! Wir schreiben das Jahr 2021, und einen Dolmetscher vor Ort zu haben (d.h. Teilhabe zu ermöglichen) ist immer noch ein Novum! Das ist kein Fortschritt.

Die hörende Welt will alles reparieren. Das medizinische Modell der Behinderung besteht darin, jemanden zu heilen oder ihr:ihm eine Technologie zur Verfügung zu stellen, die sie:ihn allen anderen „gleich“ macht. Cochlea-Implantate sind für manche Menschen nützlich, aber denjenigen, denen sie nicht viel Nutzen bringen, können sie oft erheblich schaden.

Die Entwicklung von ‚Gebärdenhandschuhen‘, die einem sagen können, was jemand gebärdet, ist leider Unsinn, fürchte ich! Machen wir uns nichts vor, Google kommt schon mit geschriebenen Sprachen nicht so gut zurecht; wie sollen Handschuhe oder Kameras da mit einer 3D-Sprache zurechtkommen, die die Handform, -ausrichtung und -geschwindigkeit, die Bewegung und Ausrichtung von Rumpf, Schulter, Nacken und Kopf, den Gesichtsausdruck, regionale Unterschiede, Dialekte und Akzente, Kontext usw. usw. umfasst? Kurz gesagt, ich glaube, dass es noch sehr lange dauern wird, bis ein Roboter oder Computer Dolmetscher:innen ersetzen wird.

Falls/sobald das Vorenthalten von Sprache als eine Form des Missbrauchs anerkannt wird, werden die Gerichte voll sein! Es kann doch nicht richtig sein, dass Kinder aus gehörlosen Familien von Menschen unterrichtet werden, die die Sprache dieser Familien nicht beherrschen? Ich finde das herzzerreißend! Dass ihnen Veranstaltungen wie Geschichtenerzählen und Theater in fließendem BSL [britische Gebärdensprache] angeboten werden, ist für einige Familien eine winzige Erleichterung, aber die alltäglichen Barrieren bleiben für sie bestehen. Der Zugang zum Hausarzt, zum Rechtssystem, zum Bildungssystem usw. ist für viele ein Albtraum!!!

Den größten Fortschritt für die Kommunikation von Gehörlosen hat im Laufe meines Lebens das Mobiltelefon bedeutet. Kurze Texte verschicken und dann Videoanrufe tätigen zu können, hat so viele Möglichkeiten eröffnet, aber die Systeme, die ich oben aufgeführt habe, haben diese Technologie nur langsam angenommen. Audiologische Abteilungen rufen noch immer bei Gehörlosen an, und wenn diese nicht antworten, werden sie vielleicht von der Warteliste gestrichen. Man verschickt Briefe, die die Leute auffordern, eine Festnetznummer anzurufen.

Meine Botschaft an Menschen in allen Bereichen des Lebens lautet: Bevor Sie eine Dienstleistung oder eine Veranstaltung organisieren, hören Sie sich um! Suchen Sie nach Möglichkeiten, alle Menschen einzubeziehen und Barrieren zu eliminieren. Es ist vielleicht nicht möglich, sämtliche Barrieren zu beseitigen, aber jede Barriere, die Sie beseitigen, macht jemandes Leben ein wenig leichter.

M: Herzlichen Dank, Tony, für diese Einsichten in Deinen Beruf und die Situation der Gehörlosen-Community! Ich finde es toll, dass du dich auf so vielen Ebenen für Verständigung und Teilhabe einsetzt und hoffe, dass ich dich vielleicht beim nächsten BtB-Festival sehen kann! Viele Grüße nach Wales!  


Hier und hier kann man Tony und Carl in Aktion beim gemeinsamen Geschichtenerzählen sehen.

Auf seiner Webpräsenz finden sich noch mehr Informationen zum Thema Gebärdensprache, und auch dieser Link zu einem Video-Interview (Englisch mit englischen Untertiteln), in dem Tony über das Gebärden während der Covid-Pademie berichtet.

Coming out

„Schwerhörig? Aber ich bin doch erst 24? Ich fühle mich soooooo alt. Und eigentlich verstehe ich doch alles. Ich muss es ja nicht jedem auf die Nase binden, dass ich schwerhörig bin und jetzt ein Hörgerät trage.“ So dachte ich, bis folgendes passierte:
Wir zogen um, stellten uns bei den neuen Nachbarn vor und mit einem Studenten kam ich auch über Batterien und dass die immer im falschen Moment leer sind (bei ihm fürs Fotografieren, bei mir fürs Hören) ins Gespräch. Kurz darauf zog er weg. Nach etwa einem Jahr kam er für eine Stippvisite zurück und war bei Ex-Nachbarn zum Kaffeetrinken eingeladen. Auf seine Frage: „Wie sind denn die Neuen
(also wir)?“ bekam er zur Antwort: „Er ist ja ganz nett, aber SIE? Mal tut sie ganz freundlich und beim nächsten Mal antwortet sie nicht.“ Seit seiner Erklärung: „Mensch, die ist schwerhörig. Wenn sie nicht antwortet, dann hat sie dich einfach nicht gehört!“ sind wir mit den Nachbarn sehr gut befreundet.


Ich bin sehr froh, dass die Nachbarn mir diese Begebenheit geschildert haben. Das hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, meine Schwerhörigkeit mitzuteilen. Auch wenn ich nicht immer Lust habe, beim ersten privaten oder beruflichen Kontakt auf meine kaputten Ohren hinzuweisen; in der Schublade für Ignoranten, Hochnäsige und Kommunikationsmuffel möchte ich nie wieder landen.

Sonja Ma-Mi

Unser Gehör ist ein Wunderwerk!

Die Ohrmuschel fängt die Geräusche ein und verstärkt sie wie ein Schalltrichter. Durch ihre Form können wir unterscheiden, ob ein Geräusch von vorn oder von hinten kommt. Das Trommelfell schirmt das Mittel- und Innenohr vor äußeren Einflüssen (Wasser, Staub, …) ab; nur die Schwingungen des Schalls und somit des Trommelfells werden weitergegeben. Hinter dem Trommelfell nehmen drei kleine Knochen (die Gehörknöchelchen sind die kleinsten Knochen des Menschen) die Schwingungen auf und durch ihre grandiose Anordnung und Aufhängung verstärken sie die Schwingung mechanisch, vergleichbar zu einem Pantografen auch Storchschnabel genannt (https://www.youtube.com/watch?v=ojR4IVNLAAo ). Jetzt trifft der Schall auf die Gehörschnecke, ein unglaublich geniales Organ. Abgerollt kann man sie sich wie eine Schultüte vorstellen, die bis oben mit Wackelpudding gefüllt ist. Je nach der Höhe oder Tiefe des Tons (nach seiner Frequenz), schwingt der Wackelpudding eher an der Spitze oder der Öffnungsseite der Schultüte besonders heftig. Was Schwingungen für große Wellen schlagen können, kann man z.B. bei den historischen Aufnahmen der Tacoma-Brigde sehen, als ein böiger Wind die Brücke wie aus Gummi hin und her bewegte und letztlich sogar zum Einsturz brachte
(https://www.youtube.com/watch?v=3mclp9QmCGs interessant ab Minute 1:00).


In den Wackelpudding sind auf einer Linie von der Spitze zur Öffnung der Schultüte von außen Haare hineingesteckt, quasi eine Pferdemähne nach innen. Dort wo der Wackelpudding heftig schwingt, bewegen sich natürlich auch die Haare mit. Die Haarwurzel merkt, dass das Haar bewegt wird, so wie unsere Haare auf dem Kopf auch merken, wenn wir uns an etwas annähern, noch bevor es eine Beule gibt. Und genauso wie bei den Kopfhaaren wird diese Information als Nervensignal ans Gehirn weitergegeben. Bei den Härchen in der Gehörschnecke läuft diese Information über den Hörnerv bis zum Hörzentrum, einem speziellen Teil unseres Gehirns.
Um gut zu hören, müssen alle beschriebenen Beteiligten auf dem Weg bis zum Gehirn einwandfrei funktionieren. Liegt eine Störung in dieser Kette vor, ist das Gehör beeinträchtigt; man ist schwerhörig oder sogar taub.

Sonja Ma-Mi

„Und plötzlich klinkt sie sich aus dem Gespräch aus. Was hat sie denn?“

Das Hören mit kaputten Ohren lässt sich ein bisschen mit dem Lesen bei Dämmerung vergleichen. Bei guten Bedingungen wie große Buchstaben und schwarze Schrift auf weißem Papier (entsprechend einem guten Sprecher und ruhiger Umgebung) geht es noch ganz gut. Aber bei schlechten Bedingungen wird es schwierig bis unmöglich, z.B. bei kleinen Buchstaben und/oder grauer Schrift auf blauem Papier (nuschelige Aussprache und/oder Hintergrundgeräusche). Wenn Sie jetzt eine Lupe (ein Hörgerät) zu Hilfe nehmen, dann wird es etwas besser, aber vom Lesen bei Sonnenschein (Hören mit gesunden Ohren) sind Sie noch weit entfernt.
Und das Lesen bei Dämmerung ist anstrengend, irgendwann legen Sie das Buch zur Seite, weil die Konzentration nachlässt. Das liegt nicht daran, dass jetzt das Buch langweilig geworden ist. Genauso geht es Schwerhörigen, die irgendwann die Konzentration nicht mehr haben, um dem Gespräch zu folgen und sich dann zurückziehen. Das liegt nicht daran, dass jetzt die Gesprächspartner oder das Thema uninteressant geworden sind.

Sonja Ma-Mi

„Du hörst so gut zu!“

Ich bin schwerhörig, hochgradig schwerhörig. Und doch hat eine Kollegin genau das zu mir gesagt.
Ein Widerspruch?
Um zu verstehen, was mein Gegenüber sagt, nehme ich alle Sinne zu Hilfe, konzentriere mich ausschließlich auf das Gespräch, versuche mich in ihn oder sie auch einzufühlen. Wenn ich im Gespräch bin, bin ich ganz und gar im Gespräch. Die Gedanken sind ausschließlich beim Inhalt des Gespräches, beim Lesen von Mimik, Lippenbewegungen und Gestik, beim Erspüren dessen, was auf der nonverbalen Ebene vermittelt wird. Das kombiniere ich mit den Resten, die ich noch höre. Auf diese Weise und NUR auf diese Weise kann ich in ruhiger Umgebung gut verstehen. Verstehen ist also die einzige, die Haupttätigkeit. Ich mache und denke nichts Anderes nebenher. Ich bin ganz beim Gegenüber, das meine VOLLE Aufmerksamkeit genießt. Deshalb stimmt es: ich höre wirklich gut zu, gerade WEIL ich schwerhörig bin.

Sonja Ma-Mi

Behindert mit Maske

Eines vorweg: Mund-Nasen-Schutz-Masken sind wichtig! Ich trage sie und wir alle sollten das tun, solange es eben nötig sein wird.

Es ist bekannt, dass man als Brillenträger:in mit den Masken manchmal wenig Spaß hat. Für Schwerhörige hat die Sache aber noch weitere Tücken.

Vor allem fehlen uns durch die Masken wichtige Informationen. Unsereine:r braucht zum Verstehen – neben den technischen Hörhilfen und Übung im Kombinieren – auch den Gesichtsausdruck unseres Gesprächspartners, und das sogenannte Mundbild, also die Bewegung der Lippen. Nicht jeder Laut lässt sich von den Lippen ablesen. Aber die Mundbewegungen sind sozusagen ein Teil des Puzzles. Das fällt durch die Masken nun weg.

So kommt es, dass ich heutzutage praktisch jeden Wortwechsel beginne mit: „Entschuldigung, ich bin schwerhörig…“. Dabei will ich mich für meine Behinderung nicht entschuldigen, und ich will sie eigentlich auch nicht jedem gleich auf die Nase binden. Aber mit den Masken verstehe ich weder, welchen Preis mir ein:e Verkäufer:in an der Kasse nennt, noch welche Fragen mir ein:e Ärzt:in stellt.

Was fast noch schlimmer ist: Selbst wenn ich einmal mit viel Glück eine:n Freund:in oder Bekannte:n auf der Straße treffe, kann ich mich nicht unterhalten. Man freut sich so sehr über das Widersehen – und kann dann doch nicht wirklich in Kontakt treten. Das ist so traurig!

Ein weiteres Masken-Problem ist der knapp werdende Platz hinterm Ohr. Das Hörgerät, vielleicht noch eine Brille, die Masken-Schlaufe… da kann es eng werden und manchmal verheddert es sich auch: Eine Bekannte erzählte neulich, sie habe wohl eines ihrer Hörgeräte aus versehen mit der elastischen Schlaufe der Maske wie mit einer Zwille weggeschnippst – auf Nimmerwiedersehen.

Das ganze führt dann übrigens auch dazu, dass man bei Akustiker:innen derzeit manchmal warten muss auf Termine und auf Hörhilfen zum Testen: Viele Menschen merken jetzt, ohne freie Sicht auf das Gesicht des Gegenübers, dass auch sie schwerhörig sind. Und Andere schnipsen eben ihre Geräte durch die Gegend 😉

Ich jedenfalls werde sehr froh sein, wenn wir uns – gesund und wohlbehalten – wieder von Angesicht zu Angesicht begegnen können!

MN

Arbeitskolleg*innen-Seminar im Juni und Oktober 2021

Das Integrationsamt Hildesheim organisiert eine ganze Reihe von Fortbildungen und Schulungen. Für uns (und Sie als Besucher*in unserer Webseite) besonders interessant ist das Seminar für schwerhörige und nicht-schwerhörige Arbeitskolleg*innen. In angenehmer Atmosphäre tauschen sich die teilnehmenden Kolleg*innen-Teams über ihre Arbeitssituationen aus, erfahren in Impulsvorträgen z.B. von Mediziner*innen und Akustiker*innen mancherlei Neues und haben auch Gelegenheit, verschiedene Zusatztechnik auszuprobieren. Schriftsprachdolmetscher*innen sorgen in jedem Fall für Durchblick, und die Kosten für die (schöne!) Unterkunft und (leckere!) Verpflegung werden vom Integrationsamt getragen.

Hier gibt es noch genauere Informationen:

Seminarankündigung 4.-6. Juni 2021 (PDF)

Seminarankündigung 8.-10. Oktober 2021 (PDF)

Das Anmeldeformular (PDF)

Datenschutz-Info des Integrationsamtes Hildesheim (PDF)

Und es hat Zoom gemacht… schwerhörig im Videomeeting

Was für eine Ironie des Schicksals: Corona ‘behindert’ uns alle. Aber bei der Arbeit führt es für mich persönlich zu mehr Inklusion.

Ich habe das große Glück, meine Arbeit auch von zu Hause aus, im Homeoffice machen zu können. Schon seit März kommunizieren meine Kolleg*innen und ich vor allem per E-Mail, mit einem Chat-Programm und mit Videotelefonie und -konferenzen.

Die wöchentlichen Abteilungsbesprechungen sahen früher ungefähr so aus:
Der genutzte Raum hat weder Teppich noch Deckenverkleidung, ist also etwas hallig. Durch die Tür dringen Geräusche aus dem Flur, durch die Fenster hört man den Autoverkehr auf der Straße, im Raum selbst summt der Beamer. Wir sitzen dort verteilt um einen langen Tisch, sodass ich immer einen Platz wählen muss, von dem aus ich möglichst viele Gesichter sehen kann – denn Mimik und Lippenbewegungen helfen mir bei der Interpretation der Laute, die ich höre. Meine Tischmikros platziere ich dann strategisch vor Kolleg*innen, die eher leiser oder besonders schnell sprechen und gleichzeitig möglichst weit weg von denjenigen, die auf einem Laptop mitschreiben oder gerne mit Zetteln rascheln. Im Laufe der Besprechungen fallen wir uns auch mal gegenseitig ins Wort und oft gibt es kurzzeitig mehrere Gespräche parallel. Alles in Allem muss ich aufpassen wie ein Luchs, um alles zu verstehen, das ist sehr anstrengend.

Nicht so beim virtuellen Treffen, im Videomeeting in Zeiten von Corona:
Beim Meeting am Computerbildschirm sprechen alle ganz gesittet nacheinander und man hat – bei guter Internetverbindung – sogar das Mundbild und die Mimik direkt vor Augen. Die meisten von uns nutzen ein Headset mit einem Mikrofon darin, das sie ausschalten, wenn sie selbst nicht sprechen. Minimaler Abstand von Mund zu Mikro, kein Hall, kein Tastaturgeklapper. Auch die Nebengespräche entfallen, bzw. verlagern sich in den Chat, wo endlich auch ich einmal ‘mitflüstern’ kann. Und falls einmal die Übertragungsqualität nicht gut ist, dann leiden alle darunter. Genaugenommen bin ich als Schwerhörige sogar im Vorteil: Weil ich es gewöhnt bin, mich über längere Zeit stark zu konzentrieren und aus unvollständig empfangenen Signalen den Sinn der Botschaft zu erschließen.

Was das Hören bei der Arbeit betrifft, sind die gebotenen Corona-Schutzmaßnahmen für mich persönlich also ein echter Vorteil. Und ich hoffe, dass einige der Vorteile der ‘virtuellen Gesprächskultur’ auch für Normalhörende so auf der Hand liegen, dass sie auch weiter praktiziert werden, wenn wir uns endlich wieder von Angesicht zu Angesicht begegnen können. (MN)

Was ich an den ‘Ohrwürmern’ schätze

An den Ohrwürmern schätze ich, dass ‘schwer hören’ in unserer Runde normal ist. Wir treffen uns garantiert nicht in lauten Restaurants, sondern da, wo es gemütlich ist und uns nichts stört! Ganz selbstverständlich landen meistens erst einmal ein paar Tischmikrofone neben der Kaffeekanne auf dem Tisch. Und wenn doch mal jemand zu schnell brabbelt, kriegt er/sie gleich von Allen Bescheid ;-). Wir kommen aus ganz verschiedenen Berufen und Altersgruppen, das finde ich sehr interessant und horizonterweiternd. (mn)

Wie ich zu “technischen Arbeitshilfen” kam …

Beitrag von: mn

Meine Arbeit spielt sich meistens am Schreibtisch und ohne Kundenverkehr ab, aber ich muss (und mag!) mich trotzdem viel mit Kolleg*innen abstimmen, an Besprechungen teilnehmen und telefonieren. Ich trage ein Hörgerät und habe ein Cochlea Implantat, und was für andere selbstverständlich ist – Hören und Verstehen – ist für mich eine ständige Zusatzaufgabe.

Durch Internet-Recherchen wusste ich, dass es noch Zusatztechnik gibt, die einem das Hören erleichtern kann, aber wie kommt man da ran? Auf der Suche nach Beratung im Dschungel von technischem Zubehör und zuständigen Kostenträgern bin ich dann zum Glück auf den Beratungsdienst von auris in Braunschweig gestoßen. Hätten Sie gewusst, dass  es spezialisierte Akustiker*innen gibt, die direkt an den Arbeitsplatz kommen um zu schauen, welche verschiedenen Hör-Herausforderungen es dort gibt? Das musste zunächst beantragt werden, dann erfolgte ein Vor-Ort-Termin. Daraufhin konnte ich verschiedene Zusatztechnik ausprobieren und schließlich die benötigten Gerätschaften beim Integrationsamt beantragen. Das Ganze war immer noch aufwändig, aber es hat sich gelohnt. Je nach Situation nutze ich seitdem Tischmikrofone, ein Sprecher-Mikrofon oder einen Adapter fürs Telefon, um die akustischen Signale direkt an meine Hörhilfen zu übertragen. Natürlich muss ich immer aufpassen, dass ich die richtigen Geräte funktionsbereit dabei habe und muss meinen Gegenübern oft erklären, was das ist und wie man es (nicht) nutzt. Und gänzlich mühelos wird das Hören auch damit nicht. Aber die Technik hilft mir im Arbeitsalltag enorm und meinen Kolleg*innen sicher auch 😉

Link dazu: Leistungen des Integrationsamtes für schwerbehinderte Arbeitnehmer:innen