Coming out

„Schwerhörig? Aber ich bin doch erst 24? Ich fühle mich soooooo alt. Und eigentlich verstehe ich doch alles. Ich muss es ja nicht jedem auf die Nase binden, dass ich schwerhörig bin und jetzt ein Hörgerät trage.“ So dachte ich, bis folgendes passierte:
Wir zogen um, stellten uns bei den neuen Nachbarn vor und mit einem Studenten kam ich auch über Batterien und dass die immer im falschen Moment leer sind (bei ihm fürs Fotografieren, bei mir fürs Hören) ins Gespräch. Kurz darauf zog er weg. Nach etwa einem Jahr kam er für eine Stippvisite zurück und war bei Ex-Nachbarn zum Kaffeetrinken eingeladen. Auf seine Frage: „Wie sind denn die Neuen
(also wir)?“ bekam er zur Antwort: „Er ist ja ganz nett, aber SIE? Mal tut sie ganz freundlich und beim nächsten Mal antwortet sie nicht.“ Seit seiner Erklärung: „Mensch, die ist schwerhörig. Wenn sie nicht antwortet, dann hat sie dich einfach nicht gehört!“ sind wir mit den Nachbarn sehr gut befreundet.


Ich bin sehr froh, dass die Nachbarn mir diese Begebenheit geschildert haben. Das hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, meine Schwerhörigkeit mitzuteilen. Auch wenn ich nicht immer Lust habe, beim ersten privaten oder beruflichen Kontakt auf meine kaputten Ohren hinzuweisen; in der Schublade für Ignoranten, Hochnäsige und Kommunikationsmuffel möchte ich nie wieder landen.

Sonja Ma-Mi

„Und plötzlich klinkt sie sich aus dem Gespräch aus. Was hat sie denn?“

Das Hören mit kaputten Ohren lässt sich ein bisschen mit dem Lesen bei Dämmerung vergleichen. Bei guten Bedingungen wie große Buchstaben und schwarze Schrift auf weißem Papier (entsprechend einem guten Sprecher und ruhiger Umgebung) geht es noch ganz gut. Aber bei schlechten Bedingungen wird es schwierig bis unmöglich, z.B. bei kleinen Buchstaben und/oder grauer Schrift auf blauem Papier (nuschelige Aussprache und/oder Hintergrundgeräusche). Wenn Sie jetzt eine Lupe (ein Hörgerät) zu Hilfe nehmen, dann wird es etwas besser, aber vom Lesen bei Sonnenschein (Hören mit gesunden Ohren) sind Sie noch weit entfernt.
Und das Lesen bei Dämmerung ist anstrengend, irgendwann legen Sie das Buch zur Seite, weil die Konzentration nachlässt. Das liegt nicht daran, dass jetzt das Buch langweilig geworden ist. Genauso geht es Schwerhörigen, die irgendwann die Konzentration nicht mehr haben, um dem Gespräch zu folgen und sich dann zurückziehen. Das liegt nicht daran, dass jetzt die Gesprächspartner oder das Thema uninteressant geworden sind.

Sonja Ma-Mi

„Du hörst so gut zu!“

Ich bin schwerhörig, hochgradig schwerhörig. Und doch hat eine Kollegin genau das zu mir gesagt.
Ein Widerspruch?
Um zu verstehen, was mein Gegenüber sagt, nehme ich alle Sinne zu Hilfe, konzentriere mich ausschließlich auf das Gespräch, versuche mich in ihn oder sie auch einzufühlen. Wenn ich im Gespräch bin, bin ich ganz und gar im Gespräch. Die Gedanken sind ausschließlich beim Inhalt des Gespräches, beim Lesen von Mimik, Lippenbewegungen und Gestik, beim Erspüren dessen, was auf der nonverbalen Ebene vermittelt wird. Das kombiniere ich mit den Resten, die ich noch höre. Auf diese Weise und NUR auf diese Weise kann ich in ruhiger Umgebung gut verstehen. Verstehen ist also die einzige, die Haupttätigkeit. Ich mache und denke nichts Anderes nebenher. Ich bin ganz beim Gegenüber, das meine VOLLE Aufmerksamkeit genießt. Deshalb stimmt es: ich höre wirklich gut zu, gerade WEIL ich schwerhörig bin.

Sonja Ma-Mi